Raus aus der Schmollecke

Allgemein, Handwerk, Kreationen, Kritik, Philosophie, Stilfragen, Texte

Früher war die Sache einfach: In Mathe war ich lausig, in Deutsch sehr gut. Heute soll ich „uniquen content“ produzieren und gleichzeitig die Algorithmen des mächtigen Google überlisten. Erst kommt der Page Rank, dann der gute Stil. Gezahlt wird wortweise. (Was wirklich ein Riesenschwachsinn ist. Oder rechnen Webdesigner nach Pixeln und Illustratoren nach Vektoren ab?) Tja nun, ich persönlich finde das nicht schön – ich halte diese Art zu schreiben für Spam mit anderen Mitteln.

Aber selbstverständlich ist es legitim. Genauso die niedrigen Wortpreise. So läuft’s eben. Natürlich wäre jetzt der Raum für ein schillerndes Lamento. Ich könnte mich echauffieren, über die Billigheimer, die sich in Content-Sweatshops die Finger blutig schreiben. Aber, wem hilft’s. Keiner wird sie mit einem Abracadabra verschwinden lassen. Und: Gerade Berufseinsteiger sind auf jeden Cent angewiesen – wer will da den Stab brechen? Ich nicht. Wir müssen uns wohl oder übel einen Markt teilen.

Aber hey, das Problem gibt es doch auch in anderen Wirtschaftsbereichen: Mercedes vs. Dacia, Vitra vs. Poco, Apple vs. Huawei machen es vor. Also raus aus der Schmollecke. Begreifen wir uns nicht als arme, unverstandene Künstler, sondern als Wirtschaftsunternehmen. Als Marken, die es zu positionieren gilt. Der Marketing Mix besteht schließlich nicht nur aus dem Preis. Zum Beispiel gibt es doch unser tolles Produkt.

Allerdings werden geradeaus hingeschluderte Texte, die orthographisch und grammatikalisch ordentlich geschrieben sind, nicht ausreichen, um einen USP zu schaffen. Statt dessen: Bewusster texten, nachdenken über die Botschaft. Den Leser kennenlernen. Mit Kreativität, Expertise, Herzblut und Esprit überzeugen. Raus mit der Handbremse. Auch mal Chuzpe haben und gegen den Kundenwiderstand schreiben. Überzeugen, als Berater fungieren. Mehrwert ist in diesem Fall auch mehr wert. Es gibt immer noch viele Kunden, die bereit sind, dafür gutes Geld zu zahlen.

Wir müssen ihnen nur verfiesematuckeln, warum wir the Woman / the Man sind. Ich beispielsweise setze auf Humor. Habe den Anspruch an mich, kreativ und stark konzeptorientiert  zu schreiben, Headlines durch Witz zu Punchlines zu machen. Bei einem anderen kann es die Expertise und Leidenschaft für ein bestimmtes Thema sein. Der eine schreibt Gebrauchsanweisungen, der andere für Kinderbücher. Wieder ein anderer verfasst Texte simultan in drei Sprachen.

Achtung Phrase: Klappern gehört zum Geschäft. Aber es stimmt. P wie Promotion lässt die Kasse klingeln. Wir müssen Lärm machen. Auf einer Website mit Blog, mit einem außergewöhnlichen Profil in den sozialen Netzen, mit Fachbeiträgen oder durch ein Engagement in Verbänden – mit breiter Brust auf den Markt zugehen. Oder man wartet auf die Kunden, die die Genialität erkennen und diese Meisterschaft goutieren – wahlweise mit einem Sack Gold, Siebenmeilenstiefeln oder einem Königreich.

Die Hoffnung auf ein Märchenwunder bleibt: Erst wenn der letzte Text versaut, der letzte gute Stil verdorben und der letze Leser ausgestiegen ist, werdet ihr merken, dass man SEO nicht essen kann! (Ein Zitat von – hüstel – mir) 

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