Generation Gentrifikation

Allgemein, Design, Relevanz

Eigentlich sollte die Headline dieses Beitrags lauten „Mein Senf“. Der Artikel wäre mit einem Wort ausgekommen: „Dazugegeben“. Genug wird und wurde geschrieben über die neuen Geek-Insignien aus Kalifornien. Vor allem die Apple Watch bekommt den Spott ab: Willfährig schnallen sich die mündigen Kritiker einen echten Apfel ums Handgelenk, fotografieren das Ganze und posten es in den sozialen Medien. Lustig, lustig, lustig! Nicht! Ein hervorragendes Beispiel, dass manche Gags nur einmal gut sind. Auch mit Bananen, Birnen und anderem Obst wird es nicht besser. Aber ich schweife ab.

Warum ich jetzt doch mehr schreibe: Unter der Dusche kam mir ein Vergleich in den Kopf, der zwar hinkt wie Long John Silver, den ich aber trotzdem anbringen möchte. Schließlich ist es ja mein Blog. Und jetzt kommt’s: Gentrifikation ist das Stichwort. Noch einmal. Wenn Ihnen jetzt etwas schief vorkommt, müssen Sie nicht Ihren Monitor neu justieren oder weniger trinken. Schief ist der Vergleich. So What. Apple-Produkte sind nämlich das Kreuzberg der Telekommunikation, oder Prenz’lberg oder Mitte oder Neukölln – was halt alles schon gentrifiziert worden ist.

Der Zyklus beginnt nach der Messe in Cupertino. Auf einmal tauchen sie auf – die Digital Natives. Der Apple-Store ist so etwas wie der Obsthändler, bei dem es die Frischwaren gibt. Man bleibt erst einmal unter sich. Jetzt müsste eigentlich der Teil kommen, in dem von niedrigen Mieten die Rede ist. Ich sag’s ja: Schief und krumm ist er, dieser Vergleich. Aber egal. Argwöhnisch beäugt man diese Menschen, die quasi von (Achtung schlecht) „nem Appel und nem Ei-Book“ leben. Man macht Witze über sie. Sie würden Frühstücksbrettchen anbeten. Oder Knight Rider-Reliquien.

In Phase II werden die Hipster, Künstler, Werber und Studenten auf die Äpfel aufmerksam. Nach und nach ziehen sie in das von den Geeks besiedelten neue Viertel. Jetzt halt nicht wegen der niedrigen Mieten (you remember: der Vergleich macht hinke, hinke). Diese so genannten Influencer eignen sich die Äpfel an, als hätten sie schon immer gewusst, wie geil die Dinger sind und was der Riesenvorteil gegenüber Android ist. Es entstehen die ersten Mate-Schenken und Jutebeutel-Onlineshops. Ein paar der Kunden dieser Etablissements sind zwar hip, kommen aber aus einem anderen Stadtteil und besingen in Blogs und auf Partys die Botschaft von göttlichem Design, berückender Simplicity und der den Sinnen schmeichelnden Usability.

Phase III entfesselt die Massen. Auf einmal will jeder, der es mal doof und lächerlich fand, so ein Ding haben. Vom Schreibtisch erreichen die iDinger sogar die Kinderzimmer und Schulen. Anstatt zum Gemüsehändler geht man jetzt zum Discounter (wahlweise Mediamarkt oder Handyladen) und zahlt horrende monatliche Beträge für eine Flatrate, um in den Genuss des neuen Lebensgefühls zu kommen. Gleichzeitig wenden sich die die Digital Natives mit Grausen ab, schwören: „nie wieder Apple, viel zu restriktiv, Alter.“ Man zieht um. „Etwas besseres als den Vodafone Shop finden wir überall“. In Androidhausen sind die Preise niedriger. Überhaupt ist es freigeistiger. Außerdem kann man die Geräte rooten, personalisieren, manipulieren und sich sonst irgendwie einbringen.

Bis. Ja, bis der Heiland in Cupertino in seiner Keynote wieder von neuen Wunderdingern predigt, die vordergründig kein Mensch braucht. Allein die Digital Natives erkennen die Größe und Genialität der Schöpfung und konvertieren zurück in die alte Heimat. Und ernten wieder Kopfschütteln der Normalos. Und sehet: Der Kreislauf geht in eine neue Runde.

So, endlich ist es raus. Dieser Vergleich war im Kopf ja einfach nicht mehr auszuhalten.

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