Das Funktionsjacken-Dilemma

Allgemein, Ärgerdinge, Handwerk, Kritik, Philosophie, Relevanz, Stilfragen

Funktionsjacken – ein hässliches Wort. Diese Jack Wolfskin, Northface oder wie wie auch immer-Dinger. Atmungsaktiv, Kälteresistent bis 40 Grad Minus, wasserabweisend, leicht wie eine Feder. Perfekt für einen Ausflug ins ewige Eis. Vorgeführt werden die sauteuren Outdoor-Essentials aber bei 15 Grad Plus – pünktlich zum Herbstbeginn in der sonnigen Fußgängerzone. Von Familien bildungsbürgerlicher Prägung: „Torben, Malte, Emma: macht den Reisverschluss zu.“ An seine Grenzen wird das Material aus der Weltraumforschung wahrscheinlich nie kommen. Kanonen-Spatzen-Syndrom. Warum macht man so etwas? Weil man es kann. Wie bei vielen Internetseiten.

Vorweg: Ich will weder eine Technologie noch irgendwelche Designtrends pauschal in Bausch und Bogen verdammen, aber ich appelliere: eine Bedarfsanalyse vorweg wäre fein. Es mag ja Sinn machen, beim Bau einer neuen Internetseite alle Geschütze aufzufahren, die die moderne Webentwicklung aufbieten kann. Responsive Design zum Beispiel hat es vor einigen Jahren als Buzzword in den Webdesign-Mainstream geschafft. Seitdem wird den Kunden gerne pauschal das Gesamtpaket verscherbelt. Gut, wenn die Inhalte sowohl auf dem Desktop als auch mobil hervorragend darzustellen sind und wenn gleichzeitig die künftigen User den Content auch zuhause und unterwegs nutzen. Wenn aber das eine, das andere oder beides nicht zutrifft, sollte der Rat lauten: Lieber nur einen Kanal – aber den volle Lotte, keine Kompromisse beim Design und User Experience first.

Nur wer klickt, bekommt was vertickt.

Suchmaschinenoptimierung: Wer im Netz verkaufen will und sich gegen eine Konkurrenz durchsetzen muss, sollte Google becircen. Deswegen ordern heute Online-Marketer keine Texte mehr, sondern uniquen Content. Weil Texte, die nicht im Netz zusammengeklaut sind Tante Google so richtig wuschig machen. Garniert mit ein paar passenden Keywords in der richtigen Dichte, Position und Menge ist das Feld bereitet für eine Spitzenposition. Stilistische Fragen treten ein wenig in den Hintergrund, bei Hardcore SEO-Texten wird sogar darauf gepfiffen. Sätze wie: „Schrauben aus dem Schraubenladen in Schraubenhausen stehen für die große Vielfalt an Rundschrauben, Krummschrauben, Schraubenschrauben für Schrauber aller Art – so nur einmalig in der Schraubenhauptstadt Schraubenhausen“ sind nicht für Menschen geschrieben, sondern für Google. Bei Schrauben mag das noch angehen, bei einem 3-Sterne Restaurant weniger.

Wie schon zu Beginn konstatiert: responsive Design oder Suchmaschinenoptimierung sind echt dufte, wenn es passt. Aber ich sehe uns Werber, Berater und Webdesigner in der Pflicht, Kunden nicht einfach alles zu verkaufen, was eine Technologie hergibt. Das hat mit Kompetenz, nachhaltiger Kundenbeziehung und sogar Ethik zu tun. Vielleicht tut es bei 15 Grad im Schatten doch noch die leichte Übergangsjacke (auch hässliches Wort), anstatt in 23 Goretexlagen mit Mammutfellfutter gen Siedepunkt zu schwitzen.

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