Ein Vorurteil im Menü, zum Mitnehmen bitte …

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Stefan Raab lästert über Ossis, Mario Barth über Frauen – und ein Möbelramschladen über Homosexuelle, Dicke und Menschen aus dem Prekariat. Humormacht in diesem Fall: Agentur Schaller, Kunde Roller – mein lieber Scholler. Was ich davon halte? Lassen Sie es mich ganz dezidiert sagen – Fuck off. Nein, nein, nein. Ich bin ganz sicher kein politisch überkorrekter Moralist. Ich bin ein großer Fan von Serdar Somuncu, der als Randgruppenapologet das Recht jeder Minderheit auf Diskriminierung einfordert.

Was mich aber zum Wahnsinn treibt, ist die völlig unsympathische, schenkelklopfende, sich intoleranten Dummbatzen anbiedernde Art des Witzelns. Bei Roller speziell: Plumpes Bashing für schlechtes Pressspan. Vor allem für Boxspringbetten (der phonetische Zufallsschmunzler „Bockspringbetten“ ist noch am sympathischsten an dem Kram).

Intelligent geht woanders

Der Unterschied zwischen guter Somuncu-Satire und den Hans-Dumpf-Spots ist klar. Während Satire über Bande auf die Intoleranz zielt, trifft Roller zu 100 Prozent den zweifelhaften Humor von Menschen, die sich am Stammtisch im Zeichen des Humors eine Traum- und Schaumwelt der eigenen Überlegenheit gegenüber Randgruppen zusammenreimen. Ich will gar nicht wissen, auf welch zynischen Milieustudien die Kampagne fußt.

Traurig: Wahrscheinlich trifft der Möbelverticker den Nerv seiner Muuhahaha-Zielgruppe recht genau. Mir stellt sich trotzdem die Frage: Heiligt der Abverkauf von Bockpringbetten (hihi) jedes Mittel? Muss Werbung alles machen, was pointiert Erfolg verspricht? In einer deutschen Gesamtkultur, die nicht müde wird, auf Goethe, Schiller oder Hölderlin zu verlinken?

Gibt es keine intelligenteren Alternativen? Doch. Die Antwort gibt Roller selbst, mit seinem 44 Jahre-Spot, in dem sympathische Menschen gezeigt werden, die ihr Leben mit Roller-Produkten genießen. Auch nicht Oscarreif, aber sympathisch, und die Zielgruppen umarmend. Warum also, zum Teufel?

Authentizität: Fehlanzeige

Aber mal ab von Fragen der Ethik. Natürlich wird das Filmchen Wirkung zeigen – bei der Frequenz und den Sendezeiten. Das Seitenbacher-Phänomen halt. Aber ich denke, der Spot funktioniert trotzdem nicht gut. Weil. Achtung Reim: Der Reason Why ist nicht dabei, den USP sieht man nie. Null Authentizität. Und das in Zeiten von Storyteling und Native Advertising. Die Botschaft, die mich erreicht: Bei Roller einkaufen ist wie bei McDonald’s. Ich will aber kein Bett, das ich nur von einem Bild kenne, das nach ein paar Stunden schon nicht mehr „satt“, dafür auf Dauer krank macht und eigentlich gar nicht mal so günstig ist. Mitnehmen möchte ich das sperrige Ding schon gar nicht (außer es passt in die kleinen Schachteln, die der Roller-Clown am Schluss auf die Theke packt – auch so ein unlogischer Schmarren).

Was will der Spot überhaupt sein? Für eine lupenreine VkF-Kampagne spielen die Möbel und Preise eine viel zu kleine Rolle. Fehlendes Storytelling und nicht vorhandene Sympathieträger sind auch nicht die geeigneten Zutaten für eine Image-Offensive. Und für einen viralen Erfolg sind die Spots nicht außergewöhnlich, überraschend und originell genug. Nur der Clip mit den Nerds an der Fastfoodkasse wurde über 150.000-mal aufgerufen (das mit den Zielgruppen sollte sich das Marketing für künftige Kampagnen vielleicht notieren).

Aber ein Gutes haben die Clips: Ich weiß jetzt, was Boxsprinbetten sind.

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