Lesefütter mein Ego

Allgemein

Fütter mein Ego, fütter mein Ego, fütter mein Ego – so heißt es in einem modern interpretierten Schneewalzer. Eine Hymne an die Profilneurose aus dem Hause Einstürzende Neubauten. Dies war eine coole popkulturelle Einleitung, die erst später noch noch eine Rolle spielen wird. Zunächst aber: Alles gute, Huffington Post Deutschland. Dies ist ein Glückwunschtext. Bitte erwarten Sie keine dialektisch geführte, medienkritische Abhandlung mit Anspruch auf Objektivität.

Seit einem Jahr aggregiert die weltweit erscheinende Online-Zeitung auch in deutscher Sprache. Ich finde das dufte. Es ist immer schön, wenn sich der Schwarm durchsetzt und dem Establishment der Wenigen die lange Nase zeigt. Die sehen in dem Blog-Makler den Untergang der deutschen (Zeitungs)kultur (als ob es dazu die Huffington Post bräuchte). Gemosere kommt von FAZ über TAZ bis WAZ: Die zahlen nix für den Content – mi mi mi mi mi mi!

Diese Kritik der Qualitätsmedien könnte man fast klassenkämpferisch interpretieren: Unsere Autoren produzieren Qualität – und die hat ihren Preis! Prust. Sie gestatten, dass ich kurz in den Keller gehe und lache. Die Zeilenhonorare für freie Journalisten – das reine Elend. Aber das nur nebenbei.

Es muss also einen anderen Grund für den Publikationsdrang geben – ab von profanen leistungssteigernden Mitteln wie: eigenes Büro, Untergebene zum Anmaulen oder überdurchschnittliches Salär. Das ist freilich nur Wenigen vorbehalten. Keinen Cent bekommen dagegen über 1.500 Autoren der deutschen Huffington Post. Aber was treibt Sie an? Und hier kommen Blixa Bargeld (ist das nicht wunderschön unfreiwillig ironisch) und seine Baustellen-Kombo vom Anfang ins Spiel. „Ich bin 9 Meter hoch und alles ist mehr als wichtig.“ Seien wir doch mal ehrlich (ich gehe da mit schlechtem Beispiel voran): Es geht ums eigene EGO.

Zuhause Tagebuch führen, Limericks klöppeln oder sonst irgendwie schreiben – jaaa, ganz nett. Aber eigentlich wollen wir gelesen (und geliebt sein). Das ist der Kick. Eigene Veröffentlichungen als die Futtertröge, an denen man die Autoren-Seele äsen lässt. Wie reich der Tisch gedeckt, bzw. wie viele Meter groß der Autor ist, hat viel damit zu tun, welche Bedeutung dem Umfeld der Erscheinung beigemessen wird.

Versuchsanordnung: Treten Sie mal mit einem Artikel über – naja – „Black Metal unter dem Einfluss von 12-Ton-Musik“ an das Feuilleton der SZ heran. Das Ergebnis: Man wird nicht veröffentlicht und bekommt keine Kohle dafür. Da ist es doch wirklich besser fürs Ego, wenn man zwar nix kriegt, aber wenigsten veröffentlicht wird. Und eine Online-Zeitung mit mehreren Millionen Lesern ist nicht das schlechteste Umfeld. So gesehen ersetzt die Huffington Post den Psychotherapeuten ist also gesellschaftlich relevant. Und Relevanz – das ist doch mal was.

Natürlich kann man über die Qualität einzelner Artikel diskutieren und Überschriften wie „Hinter diesem schlimmen Bild steckt eine rührende Geschichte“ sind ziemlich Panne. Aber die Huffington Post ist nichts anderes als die Gegenwart des Journalismus (und ein bisschen Zukunft). Jeder darf sich profilieren, alles kann Thema sein – gut, kann einem auch Angst machen, aber scheiß der Hund drauf. Vom Status der vierten Macht im Staat können sich die Herren und Damen der Traditionsmedien auf jeden Fall verabschieden. Dazu ist die Welt der Publizistik viel zu demokratisch und international geworden.

Deswegen: Danke, Sebastian Matthes. Danke Cherno Jobatey (dass ich das nochmal über den Guten-Morgen-Lächler schreibe). Feiert schön. Lasst die Korken knallen, oder mit Bilxa gesprochen, „Lass uns noch was Wodka holen, russische Vitamine.“

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