Des Leiters neues Logo

Allgemein

Frei nach Hans Christian Andersen

Vor gar nicht vielen Jahren lebte ein Bereichsleiter Marke und E-Commerce, der so ungeheuer viel auf Corporate Design hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab, um das Unternehmen recht geputzt zu sehen. Er kümmerte sich nicht um seine Kunden, kümmerte sich nicht um innovative Produkte oder neue Kommunikationswege – außer es sah geil aus. In der großen Firma, in der er herrschte, ging es sehr munter her. An jedem Tag kamen viele Kreative an, und eines Tages kamen auch zwei besonders Ausgefuchste, die gaben sich für Topdesigner aus und sagten, dass sie das schönste Logo, was man sich denken könne, zu gestalten verstanden.

Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Logos sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, dass sie für jeden armen Menschen unsichtbar seien, der dumm war oder nichts von gutem Design verstünde.

Das wäre ja ein prächtiges Logo‘, dachte der Marketer; wenn ich so eines hätte, könnte ich ja dahinter kommen, welche Männer in meinem Team etwas taugen. Ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug muss sogleich für mich gestaltet werden!‘ Er gab den beiden Werbern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen sollten.

Sie setzten Praktikanten an zwei iMacs, und die taten so, als ob sie arbeiteten, aber sie hatten stets nur das alte Logo auf dem Bildschirm. Trotzdem verlangten die geschäftsführenden Gesellschafter für das vermeintlich Neue jede Menge Geld, das steckten sie aber in ihre eigene Tasche und setzten ihre Praktikanten für den Mindestlohn bis spät in die Nacht hinein an die iMacs.

,Nun möchte ich doch wissen, wie weit sie mit dem Zeuge sind!‘ dachte der Bereichsleiter Marke, aber es war ihm beklommen zumute, wenn er daran dachte, dass keiner, der dumm sei oder keine Ahnung von Design habe, es sehen könne. Er glaubte zwar, dass er für sich selbst nichts zu fürchten brauche, aber er wollte doch erst einen anderen aus dem Team ins Meeting mit den Kreativen senden, um zu sehen, wie es damit stehe.

,Ich will meinen Abteilungsleiter Visual Identity zu den Webern senden‘, dachte der Chef, er kann am besten beurteilen, wie das Logo sich ausnimmt, denn er hat Verstand, und keiner versteht mehr von Design als er!‘

Nun ging der stellvertretende Bereichsleiter in den schick mit Bauhausmöbeln eingerichteten Besprechungsraum der Agentur, wo die zwei Hipster-Werber saßen und gerade ihr MacBook an den Beamer pfriemelten. Als der Stellvertreter das vermeintlich neue Logo auf der Leinwand sah, erschrak er: ,Gott behüte mich!‘ dachte er und riss die Augen auf. ,Ich kann ja nichts erblicken!‘ Aber das sagte er nicht.

Beide Werber baten ihn näher zu treten und fragten, ob es nicht ein ganz außergewöhnliches Logo mit freshen Farben sei. Dann zeigten sie darauf, und er fuhr fort, die Augen aufzureißen, aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. ,Herr Gott‘, dachte er, sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Mensch wissen! Sollte ich nichts von Corporate Design verstehen? Nein, es geht nicht an, dass ich erzähle, ich könne das Zeug nicht sehen!‘

„Nun, Sie sagen nichts dazu?“ fragte der eine von den Werbern. „Oh, es ist sssseennnnsationell, ganz revolutionär!“ antwortete der Stellvertreter und sah durch seine Brille. „Das Logo unterliegt nicht zu sehr dem Zeitgeist! – Ja, ich werde dem Chef sagen, dass es mir sehr gefällt!“

„Nun, das freut uns!“ sagten beide Werber, und darauf benannten sie die HKS Farben mit Namen und erklärten den Schriftschnitt. Der Marketer merkte gut auf, damit er dasselbe sagen könne, wenn er zu seinem Chef zurückkomme, und das tat er auch.

Alle Menschen in der Marketingabteilung des Unternehmens sprachen von dem prächtigen Zeuge. Nun wollte der Chef es selbst sehen, während es noch in der Entwicklung sei. Mit einer ganzen Schar auserwählter Männer ging er zu den beiden smarten Werbemännern hin.

,Was!‘ dachte der Marketingleiter; ich sehe gar nichts! Das ist ja erschrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, das Marketing zu leiten? Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte.‘ „Oh, es ist moderner und weicher“, sagte er; „es hat meinen allerhöchsten Beifall!“ und er nickte zufrieden und betrachtete den kalibrierten 42 Zoll-Bildschirm, der nichts weiter als das alte Logo zeigte.

Er wollte nicht sagen, dass er nichts sehen könne. Das ganze Gefolge, was er mit sich hatte, sah und sah, aber es bekam nicht mehr heraus als alle die andern, aber sie sagten gleich wie ihr Chef: „Der weiße Rand wirkt auf Smartphone-Displays nicht mehr verpixelt. Und unser bisheriges Rot kommt auf den Bildschirmen viel besser rüber!‘ und sie rieten ihm, dieses neue prächtige Logo bei einer Pressekonferenz den fachkundigen Redakteuren der Branchenpresse zu präsentieren.

Es machte die Runde und alle freuten sich über die Innovation. „Es ist herrlich, stylish, ausgezeichnet!“ ging es von Mund zu Mund, und man schien allerseits innig erfreut darüber. Der Marketing-Chef gab den Werbern nun einen Vertrag und verlieh ihnen den Titel Lead-Agentur.

Am Tag der Pressekonferenz strahlte der Marketing-Chef und verkündete: „Seht, es ist ja fertig!“ sagte er. „Passt es nicht gut zu unserem Markenkern? Im Internet und vor allem mobile werden wir von unseren Kunden jetzt noch besser wahrgenommen. Es ist so modern und dynamisch“.

Die Werbejournalisten, die das Recht hatten, das Logo zuerst zu begutachten, wagten es auch nicht, es sich merken zu lassen, dass sie nichts sehen konnten und schrieben „Wie ist das neue Logo unvergleichlich! Welch feine Serifen zu erahnen sind! Wie schön das Rot auf dem Bildschirm strahlt!“ Keiner wollte es sich merken lassen, daß er nichts sah; denn dann hätte er ja nichts von Design verstanden oder wäre sehr dumm gewesen.

Zuletzt präsentierte man das neue alte Logo auf Facebook, und in den Kommentaren war zu lesen: „Aber das ist ja genau das gleiche Logo wie vorher!“ Andere fielen ein und machten ihre Witze: „Wenn sich das rentiert, mach ich so etwas hauptberuflich!

„Das selbe Logo wie vorher“, rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Bereichsleiter, denn die Kommentatoren schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ,Nun muss ich aushalten.‘ Und alles, was das Unternehmen fürderhin kommunizierte, ward mit dem neuen Logo versehen, das gar nicht neu war.

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